Madrid, 24. März 2010. 20 Jahre nach dem Fall der Mauer zeigen sich nur noch 20% der Ost-Deutschen vom Konzept der Demokratie überzeugt. In West-Deutschland ging die Zustimmung von 80% auf 60% zurück. Gleichzeitig ging die Wahlbeteiligung zur Europa-Wahl 2009 weiter zurück, ebenso wie der Anteil der Wähler in Deutschland bei der Bundestagswahl. Im Rahmen des internationalen Symposiums "Transnational Connections" der IE School of Communication in Madrid zur Zukunft der politischen Kommunikation zeigen die Langfristdaten der kontinuierlichen Medienanalyse des Zürcher Forschungsinstituts Media Tenor, dass die Art der Nachrichtenauswahl zu Ereignissen in Politik und Gesellschaft einen Erklärungsansatz für diese Entwicklung bieten.
Die kontinuierliche Analyse der TV-Hauptnachrichtensendungen und TV-Magazine in Amerika, England, Schweiz und Deutschland, die Media Tenor Tag für Tag durchführt, zeigt überall dieselben Auswahl-Kriterien in der Politik-Berichterstattung: 1. Alternativen zu den bestehenden Machthabern werden nicht sichtbar. 2. Brisante Themen, wie die Wirtschaftskrise oder die Abstimmung über das Minarett-Verbot in der Schweiz, werden anhand immer derselben Aspekte und der immer gleichen Protagonisten präsentiert. Dabei wurde in der Regel den Protagonisten, die am meisten zu einer Verbesserung der Lage beitragen, kaum redaktioneller Raum angeboten. So wurde in der Darstellung der Wirtschaftskrise der Mittelstand weitgehend ausgeblendet und im Beispiel des Minarett-Verbots der Blickwinkel der Imame. 3. Das Parlament wird insbesondere in den TV-Nachrichten nur sichtbar, wenn die Regierung dort auftritt. Das konterkariert jedoch die Funktion der Volksvertretung. 4. Im Gegensatz zur Unternehmens-Berichterstattung, wo keine Redaktion auf die Idee käme, bei einer Vorstellung von neuen Produkten die Wettbewerber um Stellungnahmen zu bitten, scheint die Politik-Berichterstattung in genau dieses Schema gepresst zu werden: Auf einen Sachvorschlag der Partei A werden bevorzugt die Wettbewerber von Partei B, C und D ausschließlich mit negativen Voten zitiert. Der sich daraus automatisch ergebende Negativismus führt zwangsläufig zu einer Abkehr der Menschen vom Gesamtsystem.
Die Fortschreibung der Daten, die Media Tenor während der US Wahlen 2004 an der Yale University unter der Überschrift "Will Democracy survive the Media“ präsentiert hat, zeigt keinerlei Zunahme von Themen- oder Akteursvielfalt in der Politik-Berichterstattung. „Demokratie lebt vom Wechsel“, so Roland Schatz, geschäftsführender Chefredakteur von Media Tenor International auf der Konferenz in Madrid. „Wenn die Menschen Alternativen noch nicht einmal als Denkoption präsentiert bekommen, wenden sie sich ab, wie die aktuellen Daten zur Wahlbeteiligung belegen. Das gilt nicht nur für TV-Programme, sondern auch für das Gesamtkonzept der Demokratie.“
Media Tenor International beobachtet die Berichterstattung der tonangebenden deutschen Medien seit 1994. Für diese Analyse wurden über 500.000 Beiträge in internationalen TV-Nachrichtenformaten zwischen 2001 und 2010 ausgewertet.
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