Zürich, 18. Juni 2010: Die Wahl am 30. Juni wird immer stärker als Abstimmung über Angela Merkel dargestellt. Vor dem Hintergrund sinkender Umfragewerte für die Bundesregierung dominieren taktische Aspekte zum Erhalt der Mehrheit in der Bundesversammlung die Berichte. Christian Wulff konnte etwas Boden gut machen, doch Joachim Gauck genießt weiterhin eine starke Unterstützung in den Medien – dies schlägt sich auch in den Umfragen nieder. Dies zeigt die aktuelle Analyse des Medienforschungsinstituts Media Tenor.
„In der vergangenen Woche berichteten die Medien vorrangig über mögliche Abweichler aus Seiten der Koalitionsparteien – vor allem aus Ostdeutschland oder aus den Reihen der FDP“, erläutert Roland Schatz, Gründer und Präsident von Media Tenor International. „Dies hat zwar eine demonstrative Unterstützung für Christian Wulff ausgelöst, aber ohne den Merkel-Kandidaten unmittelbar zu stärken – da bereits die Erwähnung der Option, daß Vertreter von FDP oder der Union die Wahl von Gauck erwägen, an die Schwäche von Angela Merkel erinnert.“
Die schnelle Entscheidung für Christian Wulff hat der Bundeskanzlerin nicht zu neuem Auftrieb in den Medien verholfen. Erst in der dritten Woche nach dem Köhler-Rücktritt ging die Medienkritik an Angela Merkel leicht zurück – aber das Medienbild blieb deutlich negativ. „Die Medien erkennen die Chance einer unerwarteten Sensation“, so Roland Schatz. „Die Qualifikation der Kandidaten spielt kaum noch eine Rolle in den Medien.“
Die Aussichtslosigkeit der Kandidatin der Linken, Luc Jochimsen, spiegelt sich in ihrer Abwesenheit in den Nachrichten. In der dritten Woche wurde sie in den tonangebenden TV- und Printmedien kaum noch erwähnt. „Auch in Umfragen verliert Luc Jochimsen weiter an Unterstützung, während sowohl Gauck als auch Wulff noch einmal zulegen konnten“, erklärt Dr. Christian Kolmer, Leiter der Politikanalyse bei Media Tenor International. „Jochimsens Bewertung der ehemaligen DDR wird zunehmend zu einem Problem für die ARD, da kein Gebührenzahler vermuten wird, daß die Kandidatin der früheren PDS nicht auch schon zu ihrer Zeit als Chefredakteurin des Hessischen Rundfunks von dieser politischen Einstellung geprägt war.“
MEDIA TENOR untersucht die tonangebenden deutschen Medien seit 1994 kontinuierlich mit Blick auf die Darstellung von Politikern, Parteien, Unternehmen, Verbänden, Gewerkschaften, NGOs und die Lage Deutschlands. Für diesen Report wurden im Zeitraum 31.5.-16.6.2010 16.693 Aussagen von/über Politiker und Parteien 16 deutschen Medien von geschulten Codierern ausgewertet. Die durchschnittliche Inter-Codierer-Reliabilität betrug im IV. Quartal 2009 87%.
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