Zürich, 25. Juni 2010. Die Berichterstattung über Themen wie Armut und soziale Ungleichheit in Deutschland hat in den TV-Nachrichten von ARD, ZDF und RTL in den vergangenen sechs Monaten einen größeren Stellenwert bekommen. Mit dem Anstieg der Berichterstattung vermitteln die Nachrichtenformate zudem eine pessimistischere Sichtweise auf das Thema: Tagesschau und Tagesthemen, Heute und Heute Journal sowie RTL Aktuell bewerten die Lage Deutschlands mit Blick auf diese Themen im zweiten Halbjahr 2010 so negativ wie nie zuvor in den vergangenen fünf Jahren – diese Entwicklung in der Berichterstattung ist allerdings mit Vorsicht zu genießen.
Denn das Thema Armut wird in den TV-Nachrichten oft nur dann aufgegriffen, wenn eine Studie wie der Armutsbericht der Bundesregierung oder jüngst die DIW-Studie zum Schrumpfen der Mittelschicht Konfliktpotential in sich tragen. So wurde die DIW-Studie mit der provokanten Überschrift „Polarisierung der Einkommen: Die Mittelschicht verliert“ von einer breiten Medienöffentlichkeit aufgegriffen, weil darin eine alarmierende Entwicklung beschrieben wurde. Nur wenige Journalisten hielten es aber für angemessen, die Studie im Nachgang kritisch einzuordnen und auf die Probleme hinzuweisen. Das Heute Journal berichtete am 15.6. unter dem Titel „Panik in der Mittelschicht?“ über die vermeintlich besorgniserregenden Zahlen des DIW, um dann am 21.6. mit dem Beitrag „Wer gehört zur deutschen Mittelschicht?“ wieder zurückzurudern. „Man kann nur hoffen, daß Zuschauer, die den ersten Bericht gesehen haben, auch den zweiten wahrgenommen haben, denn sonst bleibt am Ende die geschürte Angst, die viele wichtige Aspekte ausblendet“, erklärt Kerstin Klemm, Expertin für Medienanalyse für das Zürcher Forschungsinstitut Media Tenor International.
Ähnliche Debatten, die eine verantwortungsvolle Einordnung der Zahlen erforderten, gab es im Mai 2008 zum Armutsbericht der Bundesregierung oder im Oktober 2006 zur Sozialstudie der Friedrich-Ebert-Stiftung. „Das Problem der Stimmungsmache spielt in solchen Debatten meist eine große Rolle – umso wichtiger ist es, die Zahlen nicht ungeprüft zu übernehmen, sondern kritisch zu hinterfragen“, erläutert Kerstin Klemm.
Für diese Analyse wurden insgesamt 14.356 Berichte zwischen dem 1. Januar 2005 und dem 21. Juni 2010 ausgewertet, in denen die soziale Lage Deutschlands beschrieben wurde.Die Beiträge wurden von geschulten Codierern ausgewertet. Die durchschnittliche Inter-Codierer-Reliabilität betrug im 1. Quartal 2010 85,7%.
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