Zürich, 1. Juli 2010. Das Wahlverhalten der Bundesversammlung war bereits im Vorfeld der Abstimmung über die drei Kandidaten Gauck, Jochimsen und Wulff aus der Nachrichtenauswahl der deutschen Meinungsführermedien erkennbar. Denn obwohl die Regierungskoalition über ausreichend Stimmen verfügte, um die Wahl des niedersächsischen Ministerpräsidenten im ersten Durchgang sicherzustellen, hatten Tageszeitungen, Wochenmedien und TV-Nachrichten klar Position für den Kandidaten von SPD und Bündnis 90/Die Grünen bezogen. Unabhängig von ihrer politischen Grundausrichtung hatten die Redaktionen im Zeitraum vom 4.6. bis zum Wahltag am 30.6.2010 ihrem Publikum Joachim Gauck als den besseren Nachfolger von Horst Köhler nicht nur in Kommentaren, sondern insbesondere durch Schlagzeilen und die Auswahl ihrer Nachrichten empfohlen.
"Yes, we Gauck" lautete die Titelseite der Bild am Sonntag vom 6.6. und die FAZ publizierte eine Serie von Gastbeiträgen deutscher Elder Statesmen, die vor allem den Wahlfrauen und -Männern der Union und der FDP eine Abstimmung befreit von den Fesseln des Fraktionszwangs nahelegte. So verwundert es nicht, daß Christian Wulff in den ersten beiden Wahlgängen nicht die erforderliche Mehrheit von 623 Stimmen erhielt – obwohl CDU, CSU und FDP gemeinsam über 644 Stimmberechtigte verfügten.
"Damit dominierten im Juni im Zusammenhang mit der Wahl zum Bundespräsidenten genau die Themen die Berichterstattung, die unmittelbar im Anschluß an den Rücktritt von Horst Köhler als Grund für dessen Scheitern angegeben worden waren", so Roland Schatz, Präsident von Media Tenor International. "Denn damals hieß es, parteipolitisches Taktieren sei zumindest für zwei Institutionen zu vermeiden, das Amt des Bundespräsidenten wie auch für das Bundesverfassungsgericht. Die im Bundestag vertretenen Parteien, aber auch die darüber berichtenden Medien wurden damit genau ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht", so Schatz weiter. Die Partei der Nicht-Wähler wird zwei Monate nach den Wahlen in NRW weiter gewachsen sein.
Für diese Analyse wurden insgesamt 21.826 Aussagen von/über Politiker und Parteien zwischen dem 31. Mai und dem 29. Juni 2010 ausgewertet. Die Beiträge wurden von geschulten Codierern ausgewertet. Die durchschnittliche Inter-Codierer-Reliabilität betrug im I. Quartal 2010 85,7%.
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